„So, ich mach jetzt mal weiter, will um 12 gehen. Issja schließlich Freitag, gelle.“ - „Jo, spätestens um 12 mach ich auch Schluss, weil da geht…“ - „Haha, jaja, spät kommen, früh gehen, das hamm wir gerne.“ Klick. „…da geht der letzte Zug. Arschloch!“
Der Letzte macht das Licht aus, nimmt den Laptop untern Arm und schleicht, ein leises „Gott hasst mich!“ seufzend, zum Bahnhof. Weicht dabei allerlei merkwürdigen Fraggles aus, die um diese Zeit den tristen Untergrund bevölkern und bezieht sein vollkommen versifftes Abteil. Ach Moment, wer hat denn heute Abend Schicht? Und während man noch das Programmheft sucht, kommt die Dienst habende Freakshow bereits auf die Bühne. Oh, Nordafrikas Elite. Auf vielfachen Wunsch. Sechs schmächtige Nachwuchs-Topchecker platzen sich um einen herum, mustern ihr Publikum, dieses sie, dann beginnt die Show. Harmlose Jungs. Man kommt gut mit ihnen aus, wenn man ein kleiner Dicker ist, so wie ich, und dazu eine stoisch-depressive Gelassenheit an den Tag legt. Sie schauen dich an und ihr Blick scheint klarzustellen: „Hey, isch könnt dich rippen, wenn ischs nur wollt, du Missgeburt!“ - während dein Gesichtsausdruck entgegnen muss: „Das mag wohl sein, guter Mann, aber drei von euch kleinen Schnickern nehm ich mit in die Hölle. Das ist mein Soll, das will ich einen guten Deal heißen.“ Dann einigt man sich stillschweigend auf eine friedliche Koexistenz.
Siedendheiß fällt ein, dass ja der MP3-Dudler seit gestern den Dienst verweigert. Also muss man sich die Hast-du-weißt-du-krass-ich-schwör-dir-Geschichten ungefiltert geben. Unruhe ist in der Truppe. Aha, deswegen: Alle sechs waren im Puff und haben ihr Taschengeld auf den Kopf gehauen. Keine liquiden Mittel für die Fahrkarte über. Dennoch, großes gegenseitiges Gefeiere. Klar, jeder darf das nächste Mal natürlich umsonst ran. Ach was, und auch noch viel viel länger. Tja, die Zeiten haben sich wohl geändert. Zu meiner, da war es noch keine Heldentat Nutten zu besuchen. Heute stickt man sichs offenbar aufs Kopfkissen. Die Finanzplanung für das nächste Mal wird besprochen. Was der Alte an Unterhalt löhnen muss oder wie hoch das Kindergeld ist, das Mami kriegt und welches man ihr mit messerscharfer Argumentation abschwatzen will. Da Publikum schmunzelt. Doch, eine gute Show. Der MP3 wird fast gar nicht mehr vermisst.
Dann sagt der Star plötzlich: „Hey weischt, wassisch mache will: SEK!“ – „Kraass.“ – „Hey ne, escht. SEK. Da hättsch Bockauf.“ – „Nommaaal, Aldaaa.“ – „Weischt, die gehn rein, mit MP5 oder Sniper. Da wird net schwul geredd, isch schwör.“ Alle nicken zustimmend und respektvoll. „Ja, mach! Des Beste, wassde machen kannst, Alda.“ – „Ey, Headshot, weischt?!“ Nur ein ungläubiger Thomas wagt in die Euphorie hinein zu fragen: „Was ist mit deinen Vorstrafen?“ – "Nommaaal, und? Issnix Schlimmes dabei. Ey, du Missgeburt!“ Man wechselt zu meinem Bedauern das Thema, bevor der Streit ekaliert und widmet sich wieder den Finanzen.
Stehende Ovationen hier, als die sechs die Bühne verlassen. Roher Neid befällt das zurückgelassene Publikum. Ein Gemüt wie eine Pflanze haben, einfach mal seine eigene Realität wählen, nicht groß drüber nachdenken und keine Schmerzen mehr. OMG, wie schön.